Den Berufseinstieg nicht durch KI wegrationalisieren

Ein Praktikum oder eine Lehrstelle ist für junge Menschen weit mehr als eine erste Station im Lebenslauf. Es ist der Einstieg in die Arbeitswelt: Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, im Team zu arbeiten, mit Kundinnen und Kunden umzugehen, Prioritäten zu setzen und Rückmeldungen konstruktiv aufzunehmen.

Schule, Kurse und digitale Lernangebote schaffen wichtige Grundlagen. Berufliche Kompetenz entsteht jedoch vor allem dort, wo junge Menschen Aufgaben übernehmen, begleitet werden und Erfahrungen sammeln können. Wer keine Gelegenheit erhält, sich im Arbeitsalltag zu bewähren, kann später kaum jene Erfahrung vorweisen, die bei einer Festanstellung häufig erwartet wird.

Praktika und Lehrstellen sind deshalb nicht bloss kurzfristige Unterstützung für Unternehmen. Sie sind ein wichtiger Teil der Ausbildung zukünftiger Fachkräfte.

KI soll unterstützen, nicht ersetzen

Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt. Viele Routineaufgaben, die bisher oft von Praktikantinnen, Praktikanten oder Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern übernommen wurden, lassen sich heute automatisieren. Das kann Abläufe vereinfachen und Zeit sparen.

Problematisch wird es dort, wo dadurch gerade jene Aufgaben verschwinden, über die junge Menschen Berufserfahrung aufbauen. Besonders administrative und standardisierte Tätigkeiten – beispielsweise Informationsaufbereitung, Datenerfassung oder einfache Kommunikationsaufgaben – gelten als stärker von Automatisierung betroffen. Gleichzeitig ist die Entwicklung nicht eindeutig: KI verändert Aufgaben und schafft neue Anforderungen, ersetzt aber nicht automatisch jede Stelle. Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen Praktikumsstellen und Lehrstellen bewusst weiterentwickeln, statt sie stillschweigend abzubauen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: «Wie ersetzen wir Praktikumsstellen durch KI?» Sondern: «Wie nutzen wir KI so, dass junge Menschen fundierter lernen und sich beruflich weiterentwickeln können?»

Was Arbeitgeber beitragen können

Unternehmen, die jungen Menschen einen Einstieg ermöglichen, investieren in ihren eigenen Nachwuchs. Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel gewinnt diese Verantwortung an Bedeutung. Wichtig sind:

  • Aufgaben mit erkennbarem Lernwert und ein realistischer Einblick in den Berufsalltag

  • Eine verlässliche Ansprechperson sowie regelmässige, konstruktive Rückmeldungen

  • Ein bewusster Einsatz von KI, der kritisches Denken, Eigenverantwortung und Medienkompetenz fördert

  • Ein respektvoller, transparenter Bewerbungsprozess

Gerade trotz zunehmender Automatisierung prägt ein menschlicher Bewerbungsprozess das Bild eines Unternehmens. Junge Menschen investieren Zeit und Überwindung in ihre ersten Bewerbungen. Wochenlang keine Rückmeldung zu erhalten oder danach eine rein standardisierte, unhöfliche Absage zu bekommen, ist keine gute Visitenkarte für einen Arbeitgeber.

Eine Eingangsbestätigung, eine kurze Zwischeninformation bei Verzögerungen und eine respektvolle Absage gehören zu einem professionellen Umgang. Nach ein bis zwei Wochen darf freundlich nachgefragt werden; nach drei Wochen ohne Rückmeldung ist dies angemessen.

Was Bewerbende beitragen können

Auch junge Bewerberinnen und Bewerber sind gefordert. Eine sorgfältige, individuelle Bewerbung, Zuverlässigkeit und die Bereitschaft, Fragen zu stellen und Feedback anzunehmen, erhöhen die Chancen auf eine Praktikums- oder Lehrstelle.

KI kann bei der Vorbereitung unterstützen. Die Bewerbung selbst sollte jedoch Authentizität, Motivation und die eigene Persönlichkeit erkennen lassen. Wer zudem Eigeninitiative zeigt und sich nach angemessener Wartezeit freundlich erkundigt, beweist Interesse – nicht Aufdringlichkeit.

Fazit

KI soll Arbeit vereinfachen und die Ausbildung unterstützen. Sie darf jedoch nicht dazu führen, dass jungen Menschen die ersten beruflichen Chancen genommen werden. Wer heute in Lehrstellen und Praktika investiert, trägt dazu bei, dass auch morgen qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung stehen.

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